Zehntausende Entscheidungen treffen wir jeden Tag. Die meisten davon unbewusst, einige aber auch ganz aktiv: Welche Hose ich mir morgens anziehe, ob ich heute mit dem Fahrrad oder dem Bus zur Arbeit fahre, welches Waschmittel ich kaufe. Entscheidungen zu treffen kann anstrengend sein, egal, ob diese Prozesse bewusst oder unbewusst ablaufen. Vielleicht kennst du das Gefühl nach einem halben Tag in einem Kaufhaus oder einer Shopping-Mall: So viele Eindrücke, so viele Dinge, die um deine Aufmerksamkeit werben. Es ist jedes Mal eine Entscheidung, ob du einem Produkt deine Beachtung schenkst oder daran vorbeigehst, ob du es in deinen Einkaufswagen legst oder nicht. 

Ein minimalistischer Lebensstil versucht, diese Alltagsrealität zu vereinfachen. Mehr Zeit statt Zeug. Zurück zum Wesentlichen. Weniger statt mehr. So abgenutzt diese Wendungen auch klingen: Meiner Meinung nach ist dies der Kern dieses Trends, wenn man es denn als solchen bezeichnen kann.

In den Tiefen des Internets sind inzwischen unzählige Portraits über Minimalist*innen zu finden. Häufig und gerne werden Konsument*innen der entsprechenden Formate dabei mit Zahlen beworfen: Person x besitzt nur 100 Gegenstände, Person y sogar nur 55, jede einzelne Socke mitgezählt. Klar ist das beeindruckend und es ist naheliegend, dass diese Fakten Klicks und Views generieren. Gleichzeitig finde ich persönlich diese Darstellung unheimlich schade: Sie zeigt nur ein Extrem auf und ist dadurch mehr ausschliessend als motivierend.

Worum geht es beim Minimalismus? 

Der Mensch in unseren Breitengraden besitzt durchschnittlich etwa 10’000 Dinge. Was ist also der Antrieb, diese Menge mehr oder weniger radikal zu dezimieren? Unter den oben angesprochenen Beispielen sind diverse Motivationen zu finden. Ein Ausbruch aus Überfluss, Konsum und Entscheidungsüberforderung ist ein häufiger Grund. Fokus auf das Wesentliche, auf Arbeit und Familie ein anderer. Immer häufiger werden aber auch Umweltaspekte genannt: Der Öko-Minimalismus hat verstanden, dass Konsum immer ressourcenintensiv ist und dass weniger Konsum ein wichtiger Ansatzpunkt ist, um ein umweltfreundliches Leben zu führen. 

Grundsätzlich beschäftigt sich ein minimalistischer Lebensstil mit der Frage: Was brauche ich wirklich?

Grundsätzlich beschäftigt sich ein minimalistischer Lebensstil mit der Frage:
Was brauche ich wirklich? 
Dabei schreibe ich ganz bewusst „ich“ und nicht „wir“ oder „der Mensch“. Jede*r von uns ist anders, hat andere Bedürfnisse und Hobbies. Es geht beim Minimalismus auch nicht um Verzicht oder eine spartanische Lebensweise. Vielmehr geht es um eine bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und dem eigenen Besitz: Mit welchen Gegenständen möchte ich mich umgeben? Was macht mir Freude und was nur ein schlechtes Gewissen? Wie möchte ich mein Leben leben und womit meine Zeit verbringen?

Die Antworten auf diese Fragen sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie sich stellen. Ein Beispiel: Mich persönlich machen meine Pflanzen sehr glücklich und ich habe viele davon. In meinem Verständnis von Minimalismus ist das kein Widerspruch, auch wenn ich damit wohl nie erreichen werde, nur 55 Gegenstände zu besitzen. Für jemand anderes stellen Pflanzen vielleicht ein Stressfaktor dar, da sie immer gegossen und gepflegt werden müssen – dafür sind Bücher seine*ihre grosse Leidenschaft.

Minimalismus schafft Klarheit.

Minimalismus schafft Klarheit. Klarheit darüber, was ich in meinem Leben brauche, um glücklich zu sein. Klarheit darüber, mit wem oder was ich meine Zeit verbringen möchte. Klarheit durch weniger Ablenkung. Klarheit durch Entscheidungen, die mich vor Überkonsum, Impulskäufen und geschickten Marketingstrategien schützen.

Vielleicht gibt es in deinem Leben einen Bereich, in dem du entrümpeln, ausmisten und vereinfachen möchtest. Beginne dort, wo es für dich einfach ist und schau, wie sich dieses „Weniger“ für dich anfühlt! 

Die Podcastfolge zu diesem Thema findest du hier.

Meine Buchempfehlung: Jachmann, Lina (2018): Einfach leben: Der Guide für einen minimalistischen Lebensstil. München: Goldmann.