Laut Angaben des WWF verbraucht jeder Mensch in der Schweiz pro Jahr durchschnittlich 2 Tonnen CO2-Äquivalente nur durch das Wohnen¹. In Anbetracht der Tatsache, dass wir unseren totalen Ausstoss pro Person und Jahr auf 1 bis 1.5 Tonnen senken sollten, um die Klimaziele zu erreichen, ist das definitiv zu viel. Allerdings gibt es sowohl in unserem täglichen Handeln als auch in alternativen Wohnkonzepten und Bauweisen Möglichkeiten, um diesen Vebrauch zu senken. Solche nachhaltigen Wohnformen möchte ich in diesem Artikel vorstellen.

Um welche Messgrössen geht es? 

Fürs Wohnen sind vor allem zwei Messgrössen oder Konzepte relevant. Einerseits ist dies der Ausstoss von CO2-Äquivalenten, also der Ausstoss klimawirksamer Gase, umgerechnet in die Klimawirksamkeit von CO2. Dieser Fussabdruck liegt in der Schweiz pro Person und Jahr ca. bei 2 Tonnen allein fürs Wohnen und entsteht durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe zum Heizen, zur Produktion von warmem Wasser oder zur Stromproduktion.
Andererseits ist für das Wohnen unser ständiger Energieverbrauch relevant, der durch Watt angegeben wird. Als klimaverträglich gilt das Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft: Dabei liegt der ständige Primärenergieverbrauch pro Kopf bei 2000 Watt, gegenüber einem heutigen Verbrauch von ca. 4500 Watt. Dieser Wert wurde festgelegt, damit die Schweizer Klimaziele erreicht werden können. Einige Kantone haben sich freiwillig zur Umsetzung dieses Konzepts verpflichtet.

 

Wo nachhaltiges Wohnen ansetzt

Nachhaltige Wohnformen streben also eine Verringerung des Ausstosses klimawirksamer Gase und des Energieverbrauchs pro Person an. Dabei kann an zwei Punkten angesetzt werden:

  1. Der tägliche Verbrauch an Strom, Wasser, Wärme, Fläche etc. wird gesenkt, wobei sich diese Senkung positiv auf unseren Fussabdruck und unseren Energieverbrauch auswirkt.

  2. Die Dekung unseres Bedarfs an Strom, Wasser, Wärme etc. erfolgt in einer möglichst ökologischen Form, beispielsweise durch umweltfreundliche Energiegewinnung oder durch Wasseraufbereitung.

Idealerweise wird auf beiden Ebenen angesetzt, wobei alle involvierten Parteien, also Individuen, Politik, Forschung und Wirtschaft, ihre Verantwortung wahrnehmen und dadurch Wohnen nachhaltiger wird, wobei Komfort und Lebensstandard mindestens gleich bleiben.

Möglich wird dies einerseits durch höhere Standards beim Bau und der Sanierung von „herkömmlichen“ Bauten, beispielsweise durch bessere Isolierung, durch die Verwendung nachhaltiger Baumaterialien oder durch Systeme, die mit „grüner Energie“, anstelle fossiler Brennstoffe, funktionieren. Andererseits kann auch bei der Wohnform selbst angesetzt werden, indem beispielsweise durch gemeinschaftliches oder kleinräumiges Wohnen der Bedarf an Energie gesenkt wird.

Letzteres wird in Anbetracht des Wandels im Zusammenleben immer relevanter: Die Anzahl von 3- bis 5-Personenhaushalten ist in den letzten Jahrzehnten stetig gesunken, während 1- bis 2-Personenhaushalte zunehmen². Unsere Wohnungen und Einfamilienhäuser haben sich dieser Entwicklung grösstenteils noch nicht angepasst. Dadurch leben viele Kleinhaushalte auf Flächen, die weder im Hinblick auf die Ökologie noch auf die Verknappung von Bauland sinnvoll sind: Im Durchschnitt lebt eine Person in der Schweiz je nach Wohnform auf 45 bis 50 QuadratmeternIn einem Idealszenario wäre die Bauweise von heute also verdichtet, kleinräumig und in Stadtnähe, um Wege kurz zu halten, wobei der Komfort gleichbleibt. 

Im Durchschnitt lebt eine Person in der Schweiz auf 45 m²

Welche Alternativen gibt es?

Ich will hier nicht auf nachhaltige Baumaterialien oder Ähnliches eingehen, dafür habe ich zu wenig Expertise. In Bezug auf Wohnformen gibt es aber zwei Moglichkeiten, die besonders hervorstechen:
Einerseits ist dies gemeinschaftliches Wohnen, bei dem erwachsene Personen ausserhalb des Familienkontextes beschliessen, Wohnraum zu teilen. Das Spektrum reicht hier von Studierenden-WGs bis hin zu Gemeinschaften mit gemeinsamer Ökonomie oder grossen Bauprojekten, die gemeinschaftliches Wohnen vorsehen.
Andererseits erreicht der Trend von kleinräumigem Wohnen in Form von Tiny Houses nach und nach Europa und die Schweiz. Ergänzt wird dieses „Microliving“ durch Kleinwohnungen, an denen in der Schweiz aktuell geforscht wird.

Gemeinschaftliches Wohnen
Das Prinzip hinter gemeinschaftlichem Wohnen in einem ökologischen Sinne ist, dass Gemeinschaftsräume wie Wohnzimmer, Küche oder Badezimmer und ressourcenintensive Geräte wie Kühl- und Gefrierschrank, Küchengeräte, Heizung oder Waschmaschine gemeinsam genutzt werden. Dadurch können der durchschnittliche Wohnraum pro Person signifikant verkleinert und Ressourcen gespart werden. Im kleinen Rahmen funktioniert das Prinzip in Studierenden-WGs, darüber hinaus sind alle denkbaren Formen des kommunalen Lebens möglich: Es gibt Gemeinschaften, die diese Wohnform beispielsweise mit Selbstversorgung, einer eigenen Ökonomie oder geteilter Mobilität verbinden.
Daneben gibt es ganze Siedlungen und Gebäudekomplexe, die das Prinzip gemeinschaftlichen Wohnens umsetzen und sich je nach Lage in ihrer Form unterscheiden. Ein Beispiel für einen solchen Wohnkomplex ist die Zürcher Kalkbreite³: Hier stehen einer Person statt der durchschnittlichen 45 etwa 30m² zur Verfügung. Platz eingespart wird durch die gemeinsame Nutzung von Gegenständen und Infrastruktur: So stehen in den Wohnungen beispielsweise keine Gefrierschränke, dafür gibt es einen gemeinschaftlichen Gefrierraum, und Bewohner*innen können an einer Wand ausschreiben, welche Gegenstände sie den Nachbar*innen zur Verfügung stellen möchten. Durch den direkten Anschluss des Quartiers ans ÖV-Netz und einem eigenen Bioladen werden auch bei der Mobilität Emissionen eingespart, wodurch die Kalkbreite das Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft erfüllt. 

Microliving
Kleinräumiges Wohnen kann in verschiedenen Konzepten umgesetzt werden, sei es in Mehrfamilien-, in Minihäusern oder in weiteren kreativen Formen, beispielsweise in Zwischennutzungen. Zu Kleinwohnungen wird im Bereich von modularen oder performativen Appartments geforscht. Dies bedeutet, dass einzelne Elemente, Wände oder Möbel verschoben werden können und damit der Wohnraum je nach Bedürfnis verändert werden kann. Dabei wird jeder Zentimeter optimiert und ausgenutzt.
Maximal optimiert wird auch in Tiny Houses. Im Gegensatz zu Microappartments sind dies eigenständige Miniäuser, die jedoch ebenfalls wenig Wohnfläche haben. Sie sind aufgrund der geringen Grösse transportierbar, wodurch Zwischennutzungen möglich werden. Je nach Konzept funktionieren sie autark, d.h. sie produzieren beispielsweise mittels Solarpanels ihren eigenen Strom und haben eine Wasseraufbereitung.

Microliving, ob in der Form von Miniwohnungen oder von Tiny Houses, zielt also primär auf eine Reduktion der Wohnfläche ab, wodurch Ressourcen gespart werden. In den meisten Fällen ist das Thema Nachhaltigkeit ebenfalls eine wichtige Komponente des Konzeptes, wodurch auch eine möglichst umweltfreundliche Deckung des Bedarfs an Wasser, Strom, Wärme etc. mitgedacht wird. Deshalb verfügen viele Tiny Houses und Microappartments über  innovative Systeme zur Überwachung des eigenen Bedarfs, Solarpanels, Wasseraufbereitung oder Ähnliches.

Fazit

Viele Aspekte sprechen zur Zeit für eine Reduktion der durchschnittlichen Wohnfläche pro Person: Der Trend zu Kleinfamilien und 1- bis 2-Personenhaushalten, der Ruf nach verdichtetem Bauen, steigende Mietpreise, das Thema Nachhaltigkeit, der technologische Fortschritt und vielleicht auch ein kollektives Bedürfnis nach weniger Besitz. Ich gehe davon aus, dass die oben vorgestellten Wohnformen in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Ob in einer anonymeren (Microliving) oder gemeinschaftlicheren Form wird sich weisen. 

Auf wie viel Fläche wohnst du? Und könntest du dir vorstellen, deine Wohnfläche zu reduzieren? Lass mir gerne einen Kommentar da, ich freue mich auf den Austausch! 

 

Die Podcastfolge zu diesem Thema findest du hier.

Quellen: 

¹ WWF (2021): Persönliche Auswertung des Footprint-Rechners unter: https://www.wwf.ch/de/nachhaltig-leben/footprintrechner

² BFS (2020): Personen in Haushalten nach Grösse des Haushaltes. Webdokument. URL: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/stand-entwicklung/haushalte.html (letzter Zugriff: 17.02.2021)

³ Langbein, Kurt und Anna Katharina Wohlgenannt (2018): Haben oder Sein – über die Besitzlosigkeit. Dokumentation. Ausschnitt verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=ribegDJnIzo (letzter Zugriff: 03.02.2021)