Den Begriff Nachhaltigkeit hört man heute an jeder Ecke. In den Medien, der Politik oder in Werbeversprechungen – beinahe inflationär wird von nachhaltigen Produkten oder Politiken gesprochen. Aber ist Nachhaltigkeit nur ein Trend?
Von aussen mag es vielleicht so erscheinen. Ein entfernter Onkel meinte vor einigen Jahren an einem Familienfest etwas abfällig zu mir: „Ach, diese Nachhaltigkeit ist doch nur ein Trend und schnell wieder vorbei“, als ich ihm von meinem Studium in Nachhaltiger Entwicklung erzählte. Leider war ich in diesem Moment zu überrumpelt, als dass ich hätte kontern können. Denn tatsächlich existiert der Begriff Nachhaltigkeit schon seit dem 18. Jahrhundert, als er in Zusammenhang mit der Forstwirtschaft verwendet wurde: Der Mensch soll nicht mehr Holz abbauen, als nachwachsen kann¹.
Nun, irgendwie scheint es, als hätten wir dieses Prinzip auch 300 Jahre später noch nicht verstanden: Mehr als die Hälfte des Jahres leben wir auf unserem Planeten jeweils auf Pump – im Jahr 2020 waren die natürlichen Ressourcen, die der Menschheit für das Jahr zur Verfügung standen, Mitte August verbraucht².

Erstmalig politisch verwendet wurde der Begriff 1987 im Brundtland-Bericht unter dem Titel „Our Common Future“. Dieser wurde von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung veröffentlicht und nannte folgende Definition:

„Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“³

Seither beschäftigen sich unzählige Wissenschaftler mit dem Begriff und entwickeln laufend neue Modelle dazu, wie nachhaltige Systeme auszusehen haben. Das Modell der Schweizerischen Eidgenossenschaft stützt sich dabei auf die genannte Definition des Brundtland-Berichtes. Daraus entstand ein erweitertes 3-Dimensionen-Modell, welches die Dimensionen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt umfasst und durch eine zeitliche und eine geographische Achse ergänzt wird4Das Schweizer Modell zeigt, dass es sich beim Thema Nachhaltigkeit keinesfalls nur um die Umwelt dreht. Es geht zu gleichen Teilen darum, in einem System zu leben, das sowohl die Gesellschaft und ihre Menschen als auch das wirtschaftliche Funktionieren schützt. In der Schnittstelle der drei Dimensionen befindet sich ein nachhaltiges Handeln, das ganzheitlich, langfristig und global sein soll. Die Begriffe langfristig und global verweisen dabei auf die ergänzenden Komponenten heute-morgen und Nord-Süd. Wie es der Brundtland-Bericht formuliert, geht es also um eine intergenerationelle Gerechtigkeit, um langfristiges Handeln: Auch unsere Kinder und Grosskinder sollen noch auf diesem Planeten leben können. Die Nord-Süd-Komponente ist nicht in dem Sinne als geographisch zu verstehen. Vielmehr geht es hier darum, eine globale Gerechtigkeit zwischen den Staaten zu schaffen, die bislang nicht gegeben ist. 

Warum ist Nachhaltigkeit überhaupt wichtig?

Zu dieser Frage zitiere ich gerne folgenden Satz: „Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen“. Von wem das Zitat stammt, ist nicht ganz klar. Aber ich finde es schafft einen schönen Perspektivenwechsel in der Verantwortlichkeit für unseren Planeten: Ein Erbe überträgt den Besitz auf mich, was bedeutet, dass es zwar vielleicht einen emotionalen Wert trägt, ich aber schlussendlich damit machen kann, was ich möchte. Etwas Geliehenes hingegen gehört mir nicht, was mich dazu anhält, sorgsam damit umzugehen und es im gleichen Zustand wieder zurückzugeben, wie ich es erhalten habe.

Nachhaltigkeit ist ein vielfältiges Thema. Unsere Aufmerksamkeit wird auf jene Themen gelenkt, die gerade in den Medien gepusht und in der Politik debattiert werden: Hitzewelle, Atomausstieg, Plastikverbot. Betrachten wir aber wieder das Schweizer Nachhaltigkeitsmodell, so erkennen wir die Auswirkungen unseres Lebensstils auf jeder der fünf Ebenen. Hier einige Stichworte:

  • Umwelt: Verschmutzung der Meere, Treibhausgase, Klimaerwärmung
  • Gesellschaft: schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne; in vielen Lebensbereichen ist eine nachhaltige Lebensweise teuer und für viele Menschen nicht erschwinglich (Mobilität, Ernährung, Kleidung)
  • Wirtschaft: stetiges Wachstum und Konsum sprengt planetare Grenzen, Ausbeutung der natürlichen Ressourcen
  • Nord/Süd: Unterschied im Ressourcenverbrauch zwischen Ländern dieser Welt; unterschiedliche Voraussetzungen, um auf den Klimawandel zu reagieren
  • Generationen: Ressourcenverbrauch heute vs. in 50 Jahren

 

Was bedeutet Nachhaltigkeit für UNBESCHWERT NACHHALTIG?

Hinsichtlich der globalen Probleme sind wir uns also vielleicht einig, dass Nachhaltigkeit wichtig ist. Aber was bedeutet sie denn nun ganz konkret? Wenn du die obengenannten Stichworte liest, dann fühlst du dich vielleicht überfordert. Vielleicht denkst du dir, dass du gegen diese Herausforderungen als Einzelperson eh nichts ausrichten kannst und doch besser Politik und Wirtschaft ins Handeln kommen müssten. 

Nachhaltigkeit ist unheimlich komplex: Ein globales Thema, das sich gleichzeitig ganz konkret auf unser aller Leben bezieht. Das schürt Ängste, provoziert Überforderung. Wo anfangen? Muss ich mein ganzes gewohntes Leben auf den Kopf stellen? Gerade für uns Menschen in reichen Industrienationen stellen sich mit diesem Thema auch in grossem Masse philosophische Fragen: Muss ich persönlich ein schlechtes Gewissen für meinen Lebensstil haben? Trage ich Verantwortung oder gar Schuld am Leiden anderer?
Nun, diese Unsicherheiten sind da und nicht wegzudiskutieren. Es stellt sich lediglich die Frage des Umgangs damit: Gehe ich automatisch in eine Abwehrreaktion, schiebe alles von mir und ziehe die Mauern hoch? Lasse ich mich überfordern, lähmen und erstarre in Untätigkeit? Oder gehe ich nach vorne und tue mein Bestes?

Alle diese Gefühle sind mir bestens bekannt. Ich kann sie nachvollziehen und habe Verständnis dafür. Aber das Thema Nachhaltigkeit provoziert bei mir gleichzeitig die Frage danach, wie ich sein möchte, welchen Menschen ich in mir sehe. Ich möchte aktiv sein, meinen Überzeugungen folgen und dabei auch Fehler machen dürfen. Ein bewusstes Leben führen. Also will ich den Einfluss, den ich haben kann, nehmen. Und ich glaube, dass dieser Einfluss des Einzelnen mächtiger ist, als wir glauben: Durch mein Handeln beeinflusse ich mein Umfeld, meine Familie, Freund*innen. Durch mein Handeln nehme ich Einfluss auf das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Durch mein Handeln bestimme ich Politik und Wirtschaft mit.

Dabei geht es mir nicht um Dogmatismus und es ist mir wichtig, das zu betonen. Nachhaltigkeit bedeutet für mich weder Zwang noch Verzicht oder Perfektionismus. Es bedeutet eine Umstellung, Reflexion, an gewissen Stellen bestimmt auch Mehraufwand. Aber dieser wird an anderen Stellen mehrfach kompensiert, davon bin ich überzeugt. Nachhaltigkeit soll Freude bereiten, das Leben vereinfachen und uns zurück zum Wesentlichen bringen. Es soll Platz bieten für Fehler, für Lernen und persönliche Weiterentwicklung. Damit ist Nachhaltigkeit gleichermassen bedeutsam für die Umwelt und für unser ganz persönliches Leben. 

Die Podcastfolge zu diesem Thema findest du hier.

Quellen: 

¹ Wachter, Daniel (2014): Nachhaltige Entwicklung: Das Konzept und seine Umsetzung in der Schweiz. Zürich/Chur: Rüegger Verlag, S. 36.

² Earth Overshoot Day (2021): About Earth Overshoot Day. Webdokument. URL: https://www.overshootday.org/about-earth-overshoot-day/ (letzter Zugriff: 19.01.2021)

³ UN (1978): Our Common Future: Report of the World Commission on Environment and Development. Kapitel 2, Absatz 1. Webdokument. URL: http://www.un-documents.net/ocf-02.htm#I (letzter Zugriff: 19.01.2021)

4ARE (2012): Nachhaltige Entwicklung in der Schweiz: ein Wegweiser. PDF. Verfügbar unter: https://www.are.admin.ch/dam/are/de/dokumente/nachhaltige_entwicklung/publikationen/nachhaltige_entwicklunginderschweizeinwegweiser.pdf.download.pdf/nachhaltige_entwicklunginderschweizeinwegweiser.pdf (letzter Download: 19.01.2021)